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6. Juli 2010
Interview mit Südbadens Regierungspräsident
Julian Würtenberger zur Metropolregion Oberrhein: „Grenzen überschreitende Rolle des Sports“
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Südbadens Regierungspräsident Julian Würtenberger
Das Logo der Metropolregion Oberrhein
Herr Regierungspräsident Würtenberger, im Regierungsbezirk Freiburg sind nahezu 40 Prozent der Bürgerinnen und Bürger Mitglied in einem Sportverein. Welche wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben hat der Sport aus Ihrer Sicht?

Das ist in der Tat eine beeindruckende Zahl von Akteuren und somit eine gesellschaftliche Gruppe mit einem ganz hohen Stellenwert. Wir haben in den Vereinen wichtige Multiplikatoren, mit denen die Verantwortlichen, inzwischen auch in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, künftig konsequent zusammen wirken wollen. Ein gutes Sportangebot und die Möglichkeit, in den Kreis Gleichgesinnter integriert und gesellschaftlich eingebunden zu sein, ist für die Lebensqualität in Städten und Gemeinden unverzichtbar. Dies gilt gerade auch für den Oberrhein, mit seiner hohen Zuzugsrate. Der Sport steht aber auch für viele soziale Themen, für Bildung und Erziehung und nicht zu vergessen die Gesundheitsprävention.

Zwischen der Südpfalz und der Nordwestschweiz wird seit vielen Jahren im Rahmen der Oberrheinkonferenz grenzüberschreitend zusammengearbeitet. Kann der Sport hier eine besondere Rolle übernehmen?

Ich bin dankbar, dass sich vor einigen Jahren ein paar mutige Akteure aus den Sportverbänden unserer drei Länder an diese Aufgabe herangewagt haben. Ihre Arbeit bringt eine zusätzliche berufliche Belastung mit sich, setzt Sprachkenntnisse, Innovationsfreude und jede Menge Geduld voraus. Gleichwohl sehen wir gemeinsam dieses Engagement nicht als Kür, sondern begreifen es als Pflichtaufgabe. Die Arbeitsgruppe Sport liefert damit einen wichtigen Beitrag zur europäischen Debatte über den Sport, indem sie eine Plattform für den Dialog mit den Akteuren und den politisch Verantwortlichen bietet. Ich freue mich sehr über die kompetente und wertvolle Unterstützung dieser Arbeitsgruppe durch den Badischen Sportbund Freiburg und danke vor allem dem Geschäftsführer Matthias Krause für seine Mitarbeit in diesem Gremium.. Aufgrund unserer engen Zusammenarbeit mit Brüssel möchten wir verstärkt nach Möglichkeiten suchen, den strukturierten Dialog mit der Kommission auch im Rahmen der aktuellen Bestimmungen der europäischen Verträge zu verbessern, um zu gewährleisten, dass die Stimme des Sports am Oberrhein bei der Gestaltung der EU-Politik angemessen gehört wird.

Der völkerverbindende Charakter des Sports wird immer wieder bei vielen Gelegenheiten besonders hervorgehoben. Deckt sich dies auch mit Ihrer persönlichen Einschätzung für den Sport am Oberrhein?

Der Sport am Oberrhein tut der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gut. Etwa zwei Millionen Menschern, also ein Drittel der Bürger in Nordwestschweiz, Baden, Elsass und der Pfalz, darunter zahlreiche Jugendliche, sind Mitglieder in Sportvereinen. Die sportlichen Werte, das Zusammenspiel in einer Mannschaft, Fairness, die Einhaltung von Spielregeln, Respekt gegenüber anderen, Solidarität und Disziplin sind Qualitäten, die auch im ganz realen Leben und natürlich in der alltäglichen Kooperation mit unseren Nachbarländern gefordert sind. Grenzüberschreitende Sportbegegnungen sind deswegen so nachhaltig, weil sie von gemeinnützigen Vereinen und ehrenamtlich Tätigen getragen werden und damit die aktive Bürgerschaft stärken. So bietet der Sport gerade jungen Menschen attraktive Möglichkeiten, sich zu engagieren, und auch die Menschen in unseren Nachbarländern besser kennen zu lernen. Das Potenzial des Sports in den Bereichen Jugend und Bürgerschaft steht aufgrund neuer Trends bei der Beteiligung am Sport – besonders unter jungen Menschen – vor neuen Herausforderungen.

Für den Aufbau einer Metropolregion am Oberrhein wurde erstmals der Bereich der Zivilgesellschaft berücksichtigt, in der sich auch der Sport wieder findet. Gab es hierfür besondere Gründe?

Zum erfolgreichen Aufbau der Trinationalen Europäischen Metropolregion am Oberrhein bedarf es einer demokratischen Legitimierung. Die Bemühungen der „Säulen“ Wirtschaft, Wissenschaft und Politik allein werden nicht genügen, wenn diese Region stärker als bisher zusammenwachsen und eine eigene Identität entwickeln soll. Hierfür braucht es Begegnung, Dialog und Kooperation „von unten“. Woran es auf gesamteuropäischer Ebene lange Zeit gemangelt hat, soll in der Entwicklung der trinationalen Metropolregion am Oberrhein konstitutiver Bestandteil sein: das Europa der Bürgerinnen und Bürger, das Erleben und Erfahren realen europäischen Zusammenwachsens in einer Region. Die drei Bürgerforen, die wir in Straßburg am 16. Oktober 2010, in Karlsruhe am 22. Januar 2011 und in Basel am 21. Mai 2011 abhalten werden, könnten wir nicht ohne die Sportbünde und ihre Mitglieder durchführen, die ein Aktivposten der Zivilgesellschaft sind und traditionell die meisten Gemeinschaftsaktivitäten anstoßen und umsetzen. Es geht auch um die Frage, wie die vielfältigen Potenziale des Sports auch grenzüberschreitend noch systematischer und nachhaltiger erschlossen werden können. Es geht um die Begegnung von Menschen dreier Länder, den künftigen gesellschaftlichen Zusammenhalt an „unserem“ Oberrhein, um intersektorale Netzwerke und um Möglichkeiten, das Medium Sport dafür noch konsequenter und nachhaltiger zu nutzen.

Im Gebiet der entstehenden Metropolregion am Oberrhein liegen in Frankreich, Deutschland und der Schweiz fast 8000 Sportvereine. Ist da der grenzüberschreitende Sportverkehr nicht ein Selbstläufer?

In der Tat gibt es jedes Jahr grenzüberschreitende Trainingscamps, Vergleichswettkämpfe und Turniere. Dabei handelt es sich, auf den gesamten Oberrhein mit seinen 22 000 Quadratkilometern bezogen, jedoch eher um punktuelle, wenn auch sehr erfolgreiche und seit vielen Jahren konstant und mit großem persönlichen Einsatz durchgeführte Veranstaltungen. Der Ansatz der Arbeitsgruppe Sport der Oberrheinkonferenz geht viel weiter. Diese verfolgt das Ziel, flächendeckend grenzüberschreitend interessierte Vereine und Sportler zusammen zu bringen und den Oberrhein als einheitliche Sportregion zu positionieren. Das Projekt „Interaktive Sportkarte“ vernetzt Sportvereine, -verbände, und -verwaltungen und ist offen für alle Bürger des Oberrheinraums, die Sportvereine nach Ländern, nach der Postleitzahl oder in ihrem Umkreis suchen und dort Namen, Adressen und Kontaktinformationen der interessierten Vereine finden können. Dieses Projekt ist aus meiner Sicht bisher einmalig und wird sicherlich Nachahmer in vielen ähnlich gelagerten Regionen Europas finden.

Die Metropolregion am Oberrhein soll ein wichtiger Faktor in der europäischen Politik werden. Welche Chancen, aber auch Risiken sehen Sie beim Sport auf der europäischen Ebene?

Der Oberrhein hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer innovativen, wohlhabenden Region gemausert. Das ist aber keine Garantie für die Zukunft. Heute stellt die Globalisierung den Oberrhein als Ganzes vor große Herausforderungen, die wir nur mit europäischer Hilfe und Perspektive als zentraler Wirtschaftsraum mit „Scharnierfunktion“ meistern können. Was den Sport anbetrifft, will die Europäische Kommission ihn für mehr soziale Eingliederung, Integration und Chancengleichheit fördern und nutzen und sieht ihn als wichtigen sozialen, pädagogischen, wirtschaftlichen, aber auch gesundheitspolitischen Faktor. Seine Rolle erleichtere die Beziehungen zu den Partnerländern und könne als Bestandteil der EU- Diplomatie ein Element im Dialog mit ihnen darstellen. Darüber freue ich mich, setze aber voraus, dass Entscheidungen auch künftig auf einer möglichst bürgernahen Ebene zu treffen sind. Unser Ziel sollte daher sein: Förderung des Sports auf europäischer Ebene, ohne in einen Zuständigkeitskonflikt mit den nationalen Verbänden zu geraten.


Zur Person: Julian Würtenberger

Der 53-jährige, in Freiburg geborene Julian Würtenberger ist seit dem 1. Januar 2008 Regierungspräsident des Regierungsbezirks Freiburg. Er studierte zunächst Rechtswissenschaften an der Albert-Ludwigs- Universität Freiburg und war anschließend beim Landratsamt Sigmaringen in der Innenverwaltung tätig. Im Jahr 1984 wurde er zunächst als Berater der CDU-Fraktion ernannt, 1988 wechselte er ins Innenministerium, 1991 ins Verkehrsministerium des Landes. 1997 schließlich wurde Würtenberger zum Leitenden Ministerialrat im Innenministerium berufen, 2000 ging er ins Staatsministerium, wo er jahrelang als Ministerialdirigent die Abteilung Grundsatz und Planung, Sozial- und Gesellschaftspolitik und Bundesangelegenheiten leitete. Mitte des Jahres 2007 wechselte er dann schließlich als Amtsleiter ins Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, bevor er zum Freiburger Regierungspräsidenten berufen wurde. Würtenberger ist Enkel des Künstlers Ernst Würtenberger, verheiratet und Vater dreier Töchter.
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