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7. November 2008
Netzwerkveranstaltung
Olympische Werteerziehung in Trier:
Nicht immer nur schneller, höher, weiter
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Trier. Die löblichen Gedanken des Begründers der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin (1863 – 1937), könnten durchaus eine Neuauflage finden. Es gehe nicht immer nur um schneller, höher, weiter, sondern klassische Ziele wie lebenslanges Lernen, neue Sprachen und
Kulturkreise kennen zu lernen. Diese Auffassung vertrat Professor Dr. Roland
Naul (Essen). Der Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen und Leiter des Willibald Gebhardt Instituts stellte in Trier
das pädagogische Konzept „Olympische Werteerziehung in Schule und Sportverein“ vor.
Auf Einladung des Netzwerks der Europäischen Akademien des Sports (NEAS) diskutierten Gäste und angehende Sportlehrer in der Europäischen Akademie des rheinland-pfälzischen Sports olympische Wertvorstellungen – da konnte Doping nicht ausgeklammert werden.
Roland Naul betonte, Peking als Olympia-Ausrichter 2008 habe schon bei der
Bewerbung 2001 großen Wert auf Erziehung gelegt; das sei auch im TV herübergekommen, ganz im Gegensatz zu westlichen Medien. Vier zentrale Kernbereiche
würde auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) bekräftigen: sportliches Können (Leistung zeigen und faires Verhalten), soziales Handeln (Solidarität), moralisches Verhalten (Regeln einhalten und Fremdes achten) sowie
olympisches Wissen (Kenntnisse verstehen und Ideale verstehen). Naul: „Es kommt nicht nur auf das Wissen, sondern vor allem auf das Gewissen an.“ Durch Erfahren ethischer Prinzipien „soll
moralisches Handeln im Sport gelernt und als Gewissen gebildet werden.“
Provokante Frage: „Möchten wir überhaupt sauberen Sport?“
Angesichts solcher IOC-Vorstellungen meldete Camille Dam vom luxemburgischen
Sportministerium doch „arge Bedenken an“, was die heutige Sportpraxis anbelange, „wenn ich zum Beispiel an die ,Hand Gottes‘ von Maradonna denke, dass dieser Armstrong wieder aufs Rad will, und vielleicht
kommt Jan Ullrich auch bald zurück“, fragte der Luxemburger: „Möchten wir überhaupt sauberen Sport haben?“
Die Antidoping-Organisation ALAC des Herzogtums betreibe ein Aufklärungsprogramm namens „Wibbel en Dribbel“: Dabei werden 3000 zehnjährige Schüler über Werte und Ethik im Sport informiert; „Gesund sein, gesund leben“ hieß es bei einem anderen Programm für 12 000 Erwachsene und Kinder, berichtete Dam über Beispiele für die Umsetzung Olympischer Werteerziehung in Luxemburg.
Für Kurt Rathmes, Fachbereichsleiter Sport in der Deutschsprachigen Gemeinschaft
Belgiens und Handballjugendtrainer, ist im Kampf gegen Doping „Zusammenarbeit das Schlüsselwort.“ In einer globalen Welt „müssen wir als Vorbilder funktionieren.“
Klaus Klaeren, Geschäftsführer der Europäischen Sportakademie Trier, beleuchtete mehrere Projekte, die seit Jahren mit überwältigendem Erfolg und meist länderübergreifend veranstaltet werden. Beispiele: die Vergabe des „Fair im Sport“-Preises, für den das Trierer Sporthaus Simons als Sponsor innerhalb 14 Jahren 110.000 Euro
ausgelobt habe; die Tour d‘Europe Fair Play feiert laut Klaeren 2009 zehnjähriges Bestehen: über 3000 meist junge Radfahrer „erradelten“ auf 1,6 Millionen Kilometern 1,4 Millionen Euro Spenden für soziale Zwecke; beim Jugendcamp „ballance“ schließen junge Leute seit 2005 aus mehr als einem Dutzend Ländern neue Freundschaften.
„Der Begriff Olympia ist nicht mehr positiv besetzt“
In einer Podiumsdiskussion zum Thema „Olympische Ideale nach Peking 2008“ versuchte eine hochkarätig besetzte Runde aufzuzeigen, welche Chancen sich für klassische Werte ergäben. Die Leitung hatte Reinhardt te Uhle, Leiter der Europäischen Akademie des Sports Velen (Westfalen).
Björn Pazen, Sportchef beim „Trierischen Volksfreund“ und in Peking als Berichterstatter vertreten, unterstrich, dass Olympia längst „nicht mehr so positiv besetzt“ sei wie früher; der Sport werde kommerzialisiert; „aus Peking wollten die Heimatredaktionen mehr über Doping und Menschenrechte von uns hören als über die sportlichen Ergebnisse.“
Auch Manfred Wothe, Geschäftsführer der Europäischen Akademie Land Brandenburg (Potsdam), kritisierte das zuweilen einseitige
Interesse der Medien aus Peking: „Die Wertevermittlung hat Gültigkeit trotz aller Widersprüche.“ Die „vorurteilsbehaftete und nicht objektive Medienberichterstattung aus Peking
erschwert uns die Wertevermittlung im Leistungssport.“ In Brandenburg werden laut Wothe 1800 Talente in Eliteschulen des Sports
ausgebildet; die Rahmenbedingungen müssten passen, „sonst verlieren wir die Talente“, sagte Wothe.
Der Luxemburger Camille Dahm ließ kein gutes Haar am olympischen Veranstalter: „Das IOC sagt, es wäre nicht politisch. Ist es aber doch, wie Peking gezeigt hat.“
Rainer Düro (Trier) äußerte sich letztmalig als Präsident der Deutschen Triathlon-Union und sah eine große Diskrepanz bei Olympia: „Es wird darüber geschrieben, dass 400 Millionen chinesische Kinder das olympische
Werteprogramm lernen, aber über Toleranz schreibt keiner. Der Einfluss des Sports muss wieder stärker werden. Wir haben genug Vorbilder.“
Schnittstellen zwischen Schule und der verbandlichen Bildung sieht Hermanns
Grams, Leiter der Akademie des Sports im Landessportbund Niedersachsen: Es sei
nicht ausreichend, in Schulen und Vereinen Broschüren zu verteilen. Vielmehr gehe es um die Gestaltung erfolgreicher Lernprozesse.
Die neu vorliegenden Materialien zum Thema Doping-Prävention können laut Grams hierfür ein Beispiel sein. Insofern bestehe eher ein Umsetzungs- als ein
Erkenntnisdefizit.
„Lernen durch Misserfolge“
Roland Naul vom Willibald Gebhardt Institut (Gebhardt, 1861 – 1921, war erstes deutsches IOC-Mitglied) fasste abschließend die Olympische Werteerziehung so zusammen: Der Sport sei der Mikrokosmos des
Lebens. Mit Witz und Ironie wies er darauf hin: „Schon der große deutsche Philosoph Franz Beckenbauer“ habe gesagt: „Fußball ist die Schule des Lebens.“ Am meisten lerne man in der Tat, so Naul, durch Misserfolge im Sport, nicht
durch glorreiche Siege. Kinder und Jugendliche bräuchten beides für ihre ethisch-moralische Entwicklung: „Erfolge und Niederlagen, so wie es im Alltag des Fußballs und des Sports typisch ist“. Naul regte zum Nachdenken an: „Brauchen wir heute neue Wege, um zu diesen alten Zielen zu kommen?“
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© NETZWERK der Europäischen Akademien des Sports (NEAS) 2011
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